Henry van de Velde | 1863-1957

Am 3.4.1863 als Sohn eines Apothekers in Antwerpen geboren, studierte er ab 1882 Malerei an der Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Von 1884 bis 1885 Aufenthalte in Paris und Barbizon. 1887 schloß er sich der Künstlergruppe Les Vingts in Brüssel an. Ab 1890 intensive Auseinandersetzung mit der englischen Arts- and Crafts-Bewegung um William Morris, Walter Crane und Thomas J. Cobden-Sanderson. 1892/93 Abkehr von der Malerei und Hinwendung zum Kunstgewerbe; intensive Vortragstätigkeit. 1894 heiratete er Maria Sèthe (18671943); Veröffentlichung von „Déblaiement d’art“, die erste seiner zahlreichen theoretischen Schriften. 1895 Van de Velde entwirft vier Musterzimmer als Beitrag für Samuel Bings Galerie Maison de l’Art Nouveau in Paris und zieht in das erste eigene Haus „Bloemenwerf“ in Uccle/Brüssel ein. Das Haus wird zum Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle wie Henri de Toulouse-Lautrec, Camille Pissarro, Julius Meier-Graefe. 1897 Teilnahme an der Internationalen Kunst-Ausstellung in Dresden, darauf folgen zahlreiche Aufträge in Deutschland; Gründung der Henry van de Velde – Société Anonyme d’Arts, d’Industrie et d’Ornamentation in Brüssel (1900 liquidiert); Bekanntschaft mit dem Ehepaar Curt und Sophie Herrmann, mit Eberhard von Bodenhausen und Harry Graf Kessler. 1898 Entwurf der Werbung und Produktgestaltung für die Tropon-Werke in Köln-Mühlheim; Entwurf einer Kollektion für die Krefelder Textilindustrie sowie Vortrag zur Reform der Frauenkleidung; Gründung der „Henry van de Velde G.m.b.H Kunstwerkstätten“ in Berlin (1903 liquidiert). 1899 Beitrag zur Münchener Secessionsausstellung. 1900 übersiedelt van de Velde nach Berlin; Verkauf der Van-de-Velde-Gesellschaft in Brüssel und Berlin an Hermann Hirschwald, den Besitzer des Hohenzollern-Kunstgewerbehauses. 1901 Nach Differenzen mit Hirschwald wird der Kontrakt aufgehoben; Bekanntschaft mit Elisabeth Förster-Nietzsche. 1902 Umzug nach Weimar und Dienstantritt als künstlerischer Berater für Industrie und Kunsthandwerk; Eröffnung des Kunstgewerblichen Seminars (ab 1907 Kunstgewerbeschule). 1914 Entlassungsgesuch als Leiter der Kunstgewerbeschule (25. Juli), kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs. 1915 Verlängerung des Arbeitsvertrages bis zum 1. Oktober; gleichzeitige Schließung der Kunstgewerbeschule. Aus der Verbindung mit der Kunsthochschule geht 1919 das Staatliche Bauhaus unter Walter Gropius hervor. 1917 Übersiedelung mit der ältesten Tochter Nele in die Schweiz; Besuch bei Ernst Ludwig Kirchner auf der Stafelalp bei Davos. 1918 Kauf von „Haus am See“ in Uttwil und Umzug der Familie. 1919-1926 Arbeit für das holländische Ehepaar Kröller-Müller in Otterloo. 1921 Umzug der Familie in das dritte Eigenhaus „De Tent“ in Wassenaar (Holland). 1926: Henry Van de Velde wird Professor für Architektur an der Universität zu Gent, sowie Gründungsdirektor des Institut Supérieur des Arts Décoratifs (ISAD) in Brüssel (bis 1936). 1928 Umzug in das vierte eigene Haus La Nouvelle Maison in Tervuren bei Brüssel. 1943 im Juli stirbt seine Frau Maria in Brüssel. 1947 Übersiedelung in die Schweiz nach Oberägeri. Am 15.10.1957 stirbt Henry van de Velde in Zürich.
Henry van de Velde, der seine Karriere als Maler beginnt, wendet sich unter dem Einfluss der englischen Arts and Crafts – Bewegung von John Ruskin und William Morris schon bald dem Kunsthandwerk und der Innenarchitektur zu und verwendet dabei die Formensprache des linearen Jugendstils. Um 1900, dem Jahr seiner Übersiedlung nach Berlin, lernt er Karl Ernst Osthaus kennen, der ihn mit dem Innenausbau seines Folkwangmuseums in Hagen beauftragt. Während einiger Jahre führt er, unterstützt von Eberhard von Bodenhausen, die Henry van de Velde G.m.b.H. Kunstwerkstätten, die 1902 aber liquidiert wird. Trotz des finanziellen Debakels ist diese Zeit eine von van de Veldes produktivsten Phasen. Als er 1906/7 die Kunstgewerbeschule Weimar gründet, ist sein erklärtes Ziel: „…funktionelle Formen und organische Elemente zu entwickeln, mit denen die Industrien die Aufmerksamkeit des abgestumpften Publikums erregen (…) konnten.“ (Geschichte meines Lebens, S. 292)

Im selben Jahr erscheint sein Buch Vom neuen Stil. Sein Verhältnis zur Industrie bleibt aber ein Gespaltenes, und so begegnet er auf der Werkbund-Ausstelllung von 1914 in Köln den zehn Thesen von Hermann Muthesius mit Ablehnung. Seine zehn Gegenthesen beginnen wie folgt: „Solange es noch Künstler im Werkbund geben wird und solange diese noch Einfluß auf dessen Geschicke haben, werden sie gegen jeden Vorschlag eines Kanons oder einer Typisierung protestieren.“ (Geschichte meines Lebens. S. 365) Für die Ausstellung hat van de Velde einen beeindruckenden Theaterbau entworfen.

In den frühen 20er Jahren widmet sich Henry van de Velde ganz den Entwürfen des Rjiksmuseum Kröller-Müller in Otterlo (Holland), das aber aus finanziellen Gründen in dieser Form nie gebaut, sondern 1938 in einem ebenfalls von ihm konzipierten Provisorium eröffnet wird.

In seinen Jahren zurück in Belgien entwirft van de Velde neben seiner Lehrtätigkeit in Brüssel und Gent unter anderem die Ausstattung von Eisenbahnwaggons und von Kreuzschiffen. Außerdem ist er für den belgischen Beitrag zu den Weltausstellungen in Paris 1937 und New York 1939 verantwortlich. Während der deutschen Besetzung Belgiens im zweiten Weltkrieg arbeitet van de Velde bei einem Wiederaufbauprogramm mit. Als er 1947 in die Schweiz übersiedelt, beginnt er mit der Niederschrift seiner Memoiren, die 1962 posthum unter dem Titel „Geschichte meines Lebens erscheinen“.

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